Vor kurzem hat eine Lesereise den Buchautor und Journalisten Jan Weiler, bekannt durch den Roman Maria ihm schmeckt´s nicht und eine wöchentliche Kolumne im Stern, in mein beschauliches Heimatstädtchen verschlagen.
Meine Frau hatte mir bereits vor längerer Zeit eine Karte dafür zum Geburtstag geschenkt, also gingen wir auch trotz Eis und Schnee dorthin.
Ich möchte jetzt nicht über Jan Weiler als Person und weniger über den Inhalt seiner durchaus hörenswerten Lesung referieren. Vielmehr möchte ich kurz die Punkte eingehen, die diese Lesung aus Autorensicht ganz besonders interessant machen:
Wie schafft es ein einzelner Autor, einen Saal gefüllt mit etwa 250 Leuten nur mit seiner Stimme zu unterhalten? Welche rhetorischen Techniken setzt er ein, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen? Welche Ausstattung trug zum Erfolg der Veranstaltung bei?
Die Bühne
Auf der erhöhten Bühne standen lediglich ein Stuhl und ein Tisch sowie ein großes Standmikrofon.
Der Tisch war mit einem sehr langen, schwarzen Tuch abgedeckt, damit die Beine von Jan Weiler nicht zu sehen waren.
Auf dem Tisch lagen zum Zeitpunkt des Einlasses bereits die Texte, die er vorstellte, außerdem befand sich dort eine Wasserflasche und ein Wasserglas.
Ansonsten war der restliche Bereich der Bühne mit schwarzen Vorhängen verhüllt, damit nichts vom Platz des Autoren ablenken konnte.
Das Publikum dirigieren / dem Publikum Sicherheit geben
Menschen sind immer ein wenig ängstlich, wenn sie sich in Situationen befinden, die sie nur selten erleben. Verhalte ich mich richtig? Tue ich das Richtige?
Jan Weiler schien diese Gedanken seines Publikums zu kennen. Er benutzte die Begrüßungsworte zu Beginn der Lesung dazu, den Besuchern einen Crash Kurs zu geben, der die Überschrift tragen könnte Wie verhalte ich mich richtig in einer Autoren-Lesung.
In den Worten Jan Weilers:
„Immer wieder haben bei früheren Veranstaltungen Menschen zu mir gesagt: „Ich würde ja gerne klatschen. Aber darf ich das? Und wenn ja, wann?“
Ich antwortete: „Gerne dürfen sie klatschen. Immer dann, wenn ein Stück vorbei ist.“
Darauf kam dann die Frage: „Wie merke ich denn, dass ein Stück vorbei ist?“
„Ein Stück ist vorbei, wenn ich mein Glas hebe und daraus trinke“.
Das hat bei unserer Lesung auch wunderbar geklappt. Der Autor wurde während der Lesung nicht unterbrochen und konnte theatralische Pausen setzen, ohne dass jemand diese gewollte Ruhe unterbrochen hätte. Führte er dann sein Glas zum Mund, dann brach der tosende Applaus auch schon wie auf Kommando los. Ein wirklich empfehlenswertes Vorgehen.
Ebenfalls sehr geschickt nahm Jan Weiler nach der 25 minütigen Pause die brennende Frage des Publikums vorweg: Darf ich nach der Lesung gleich aufstehen? Oder ist dann noch große Fragestunde? Oute ich mich etwa als Kulturbanause, wenn ich meinen Platz, wie nach einer Kinovorstellung, sofort verlasse?
Jan Weiler stellte also sofort klar, dass er seine Lesung nicht mit dem Satz beenden würde „Gibt es noch Fragen aus dem Publikum?“ Seiner Meinung nach würden dann eh alle nach Hause wollen und unruhig auf ihren Plätzen herum rutschen, während ein Streber aus der ersten Reihe eine ganze Batterie von Fragen hintereinander stellen würde, weil der hohe Autor ja genau das gerade gefordert hatte.
Sollte tatsächlich jemand Fragen haben, so würde Jan Weiler diese in der anschließenden Signierstunde im Foyer beantworten.
Einnahmequellen
Verkauf von Eintrittskarten (meine Frau hat ermäßigt 10 € bezahlt, je nach Veranstaltungsort bezahlt man für Jan Weiler aber auch 16,50 € und mehr)
Getränkeverkauf (bei uns durch örtliche Jugendgruppe der Stadtjugendpflege. Diese Übernahm auch die Aufbauarbeiten: Bestuhlung, Verkabelung, Bühnenbau, Hintergrundmusik)
Buchverkauf (hier durch örtliche Buchhandlung vorgenommen)
Garderobe
- Toilettenservice
Verkauf von kleinen Snacks
Verkauf weiterer Medien und Fanartikel: Hör-CDs, T-Shirts...
Was wurde gelesen?
Jan Weiler las aus seinem frisch veröffentlichten Roman „Drachensaat“ und einige seiner im Stern veröffentlichten Kolumnen „Mein Leben als Mensch“.
Es handelte sich also um Texte, die jeder schön hätte kennen können. Ich persönlich hatte jede seiner Kolumnen bereits gelesen, ich langweilte mich aber dennoch nicht, da es sehr interessant war, diese aus dem Mund des Autoren zu hören.
Böse Zungen könnten behaupten, dass es sich bei der Lesung um eine Werbeveranstaltung handelt, für die das Publikum auch noch zahlt.
Die Kapitelauswahl von Drachensaat und die Vorstellung dieses Buch waren so geschickt ausgewählt, dass der Zuhörer nur die allernötigsten Infos erfahren hat. Er konnte die Kapitel und Zusammenhänge verstehen. Aber es wurde auch maximale Neugierde erzeugt, denn jeder wollte anschließend wissen, wie es mit der Handlung weitergeht.
Werbebotschaft: Kauft den Stern, da findet ihr jede Woche eine Kolumne, wie ihr sie gerade gehört habt. Kauft das Buch „Drachensaat“, dann erfahrt ihr, wie es weitergeht.
Nichtsdestotrotz fühlte sich das Publikum bestens unterhalten. Spannung wurde aufgebaut und Neugierde geweckt, Drachensaat selbst zu lesen. Jan Weiler tat dies auch nicht in Form eines plumpen Verkäufers. Liebenswert und ehrlich verwies er darauf, dass er bestimmte Infos zur Handlung nicht verraten werde, da das Erlebnis, das Buch selbst zu lesen, durch diese Lesung nicht beeinträchtigt werden solle.
Ich denke, dass viele Exemplare der Drachensaat unter dem Weihnachtsbaum 2008 liegen werden, wenn das Buch nicht sogar sofort im Anschluss gekauft wurde. Ein sehr eleganter, nachahmenswerter Schachzug.
Ein Autor, der eine eigene Lesung halten möchte, braucht also nicht die Angst zu haben, dem Publikum besondere und neue Texte bieten zu müssen. Es ist besonderes Erlebnis genug, bereits bekanntes aus dem Mund des Schriftstellers vorgetragen zu bekommen. Durch geschickte Auswahl der Textausschnitte kann der Verkauf dieser sogar noch gefördert werden. Die Bühne als Werbeplattform.
aktueller Bezug
Ein aktueller, frischer Einstieg bricht das Eis zwischen Vortragendem und Publikum. Das kann eine Bemerkung zum Wetter sein (bei uns hatte es frisch geschneit) oder eine eher beiläufige Bemerkung zu der Bühnengestaltung sein. („Sie fragen sich, weshalb hier eine Wasserflasche der Marke Vittel steht? Die zahlen mir eine Million Euro dafür. Jetzt sind Sie neidisch. Aber sie kennen das dunkle, schmutzige Geheimnis der Firma nicht: die haben mir einmalig eine einzige Flasche davon überreicht. Vor jeder Lesung muss ich sie mit Leitungswasser auffüllen und öffentlich daraus trinken. So, aber jetzt räche ich mich. Jetzt drehe ich die Flasche so, dass Sie das Etikett nicht mehr lesen können“).
Eigener Eindruck
Es muss ein berauschendes Gefühl für einen Schriftsteller sein, einen großen Saal voller Menschen allein mit der Stimme und vorgelesenen Texten unterhalten zu können. Allerdings muss wohl bereits ein gewisser Bekanntheitsgrad vorhanden sein, um einen großen Saal zu füllen.
Die erste eigene Lesung könnt vielleicht in einer Szenekneipe stattfinden, die derartiges regelmäßig veranstaltet. Dann kommt das Publikum aus Gewohnheit und der Autor kann sich selbst vor Publikum ausprobieren. Allerdings dürfte die Gage, wenn überhaupt etwas gezahlt wird, nicht sehr hoch ausfallen. Aber für den Anfang ist es sicherlich als Übung nicht schlecht. Jede Plattform sollte angenommen werden, um Texte zu verkaufen oder um auf Veröffentlichungen wie hier auf Typeer.de hinzuweisen.
Man muss allerdings hartnäckig sein und irgendwann den Absprung in Richtung Gage schaffen, wenn man die Autorentätigkeit nicht nur als interessantes Hobby, sondern als Berufung und Berufsziel versteht.
Ein Publikum zu begeistern würde jedenfalls auch mich sehr glücklich machen. Wenn ich allerdings zu oft in zu kurzen Abständen mit dem gleichen Programm auftreten würde, dann würde ich mir irgendwann wie ein besserer CD-Spieler vorkommen.
Und wenn ich nur noch vorlese – wann soll ich dann schreiben und neue Projekte umsetzen? Der richtige Mix ist der Weg zum Glück.
Aber es ist sicher eine tolle Belohnung, ein paar Monate lang Lesungen zu halten, nachdem man zuvor monatelang an einem wichtigen Projekt gearbeitet und es endlich abgeschlossen hat.
Es freut mich sehr, wenn diese Analyse dem einen oder anderen einmal bei der Vorbereitung einer eigenen Lesung nutzen wird.

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